„Souvenirs des Lebens“, Kunst trifft auf Literatur

„Souvenirs des Lebens“
Unser Verein im KulturQuartier Hörde e.V. stellt sich vor

Vom 30. November bis 15. Dezember 2024

Kunst trifft auf Literatur
Für die zweite JahresVereinsAusstellung in Kooperation mit dem LiteraturRaumDortmundRuhr haben unsere Künstlerinnen Kunstwerke geschaffen und die Autorinnen schließlich davon inspiriert Texte verfasst.

Hier präsentieren wir euch alle Kunstwerke unserer Künstlerinnen und Texte der Autorinnen vom LiteraturRaumDortmundRuhr…


Bild: Annette Endtricht, Text: Stefanie Augustin

Wasser für den Fisch
Warum war sie schon seit Tagen unterwegs? Wo wollte sie bloß hin? Nach Hause? Aber wo war das? Mal hielt die Bahn in Hamburg, mal in München und mal in Schlierschied im Hunsrück.
Irgendetwas hatte sie vergessen. Etwas Wichtiges. Und wegen diesem Wichtigen musste sie nach Hause. Im nächsten Moment stand sie vor einem Hauseingang, ohne dass sie sich erinnern konnte,
aus dem Zug ausgestiegen zu sein.
Wohnte sie hier? Wahrscheinlich. Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie hier das Vergessene finden würde.
Atemlos lief sie die Treppe hinauf. Das Holz der Stufen knarrte bedenklich. Ihr Blick fiel durch den Türspalt auf Berge an schmutziger Wäsche, Zeitungen, leere Flaschen, eine Kommode mit geöffneten Schubladen, aus denen zerfledderte Bücher geradezu hervorquollen und einen umgeworfenen Stuhl. Und da war noch etwas in einer Ecke.
Sie konnte es nicht erkennen, aber das musste es sein.
Das war es, was sie vergessen hatte. Die Tür knarrte noch lauter als die Treppe. Es hörte sich beinahe wie ein Ächzen oder Stöhnen an.
Die Fische! In der Ecke lagen sie und zappelten. Eine winzige Pfütze
war ihnen geblieben.

Warum hatte sie die armen Tiere nur so sträflich vernachlässigt? Sie suchte nach einem Eimer und fand keinen. Die Tür zu den anderen Zimmern, einem Bad oder einer Küche, ließ sich nicht öffnen.
Die Fische zappelten und zappelten. War die Pfütze nicht eben noch vielgrößer gewesen? Ihr Blick fiel auf den größten Fisch. Reglos lag er neben der Pfütze und starrte sie an…Schweißgebadet wachte Patrizia auf. Was war das wieder für ein Albtraumgewesen? Mal ging es um einen Zoo an Haustieren, die sie zu versorgen hatte, mal um hunderte von Kanarienvögeln, die nicht zum Fenster hinausfliegen durften und in dieser Nacht waren es mal wieder die Fische gewesen.

Patrizia streifte das Nachthemd ab, zog Jeans, T-Shirt und Pullover an, schlang ihr Müsli aus dem Kühlschrank hinunter und begann, ihre Checkliste zu studieren: Neben ihrer halben Stelle an der Jugendberatungsstelle hatte sie sich bereit erklärt, in ihrer freien Zeit ein Theaterstück mit den Jugendlichen einzuüben. Für das bevorstehende Nachbarschaftsfest wollte sie einen Kuchen backen. „Eine Rede für das zehnjährige Jubiläum der Jugendberatungsstelle muss ich auch noch schreiben!“, fiel es ihr ein. Schnell machte sie eine entsprechende Notiz auf der Liste. „Du kannst doch so gut schreiben“, hatte ihre Kollegin Sabine gesagt. Und da war noch das Projekt von dem Verlag, der Texte zum Thema „In der Ruhe liegt die Kraft“ suchte.

Vielleicht konnte sie das mal angehen, wenn sie die Regale entstaubt und das Altglas zum Container gebracht hatte. „Miau!“ Chieri war auf den freien Stuhl neben Patrizia gesprungen und verlangte nach Streicheleinheiten. Kater Rio lag zusammengerollt auf dem Sofa und schlief. „Katze müsste man sein!“, dachte Patrizia und fügte in Erinnerung an den Albtraum hinzu: „Wie gut, dass ich nur die beiden Katzen habe! Keine hundert Kanarienvögel und keine zappelnden Fische.“

Das Telefon klingelte. Wer wollte denn jetzt schon wieder was von ihr? „Ich bin auf dem Sprung, muss gleich zur Arbeit“, würde sie dem Anrufer mitteilen. Es war ihre Chefin: „Die Heizung funktioniert nicht. Deshalb bleibt die Jugendberatungsstelle heute geschlossen“ „Gut, äh, nicht gut. Dann kann ich also zu Hause bleiben.“ Erst nachdem sie die leere Müslischale gespült hatte wurde Patrizia bewusst, dass sie
einen freien Tag vor sich hatte.
Die Modelliermassefiel ihr wieder ein, die sie vor Monaten gekauft, aber immer noch nicht angerührt hatte. Sie drehte die Checkliste auf die andere Seite und nahm die Verpackung mit der immer noch weichen Masse aus dem Schrank. Sie brauchte nicht lange zu überlegen. Wie von selbst formten ihre Hände eine Keramikdose mit einem kunstvollen Fisch auf dem Deckel. Er sah lebensecht aus. „Den Boden der Dose werde ich emaillieren und anschließend werde ich die Dose mit Wasser füllen“, flüsterte Patrizia dem Fisch zu.
„So wirst du immer einen Vorrat an Wasser haben.“ Zufrieden setzte sie ihr fertiges Kunstwerk auf der Kommode ab, legte sich auf das gegenüberliegende Sofa und beschloss, noch ein Nickerchen zumachen


Bild: Anne Konzack, Text: Mona Maijs

Löffel aus Holz
Und von überall nehm’ich ein Sandkorn mit
Mit mit mir
Eins im Rucksack, eins auf dem Beifahrersitz,
zwischen Geschenkpapier
Eins in der Hosentasche, eins unter den Fingernägeln,
eins in der Tür,
eingeklemmt,
eins in der Seele,
reingeschwemmt
eins im Reifenprofil,
eingestanzt,und eines tanzt in meinem Herzen mit

Manche dieser Sandkörner machen mich
jünger
Wie ein Peeling tragen sie alte Hautschichten ab und lassen mich
strahlen
Machen mich
schöner
Tragen alte Vorurteile ab und
machen michklüger
Ebnen alte Rillen und
machen mich
sanfter
Füllen meine Sanduhr und
machen mich
reicher
Andere sitzen genau da, wo ich sie nicht erreiche,
und scheuern meine Haut wund, blutig sogar
Über die Jahre haben sie sich tief in mich gegraben und
Narben hinterlassen

Es sind diese Sandkörner,
die ich vielleicht lieber gelassen hätte, wo
sie waren, statt sie auf meinen Reisen mitzunehmen
Aber sie mitzunehmen, hat mich geschliffen,
hat mir Form gegeben, wie
Sandpapier einem Löffel aus Holz

Also was soll‘s?!
Auch wenn ich beim Aufheben noch nicht weiß,
was mich erwartet,
nehm’ich von überall ein Sandkorn mit
Mal ein weiches, mal ein hartes,
mal eins, das Tränen bringt
doch noch viel öfter eins, das sich an mich schmiegt und von Liebe spricht

Wie viele es noch werden, das weiß ich nicht
Denn von überall nehm’ich ein Sandkorn mit


Bild: Brigitte Giesenkirchen, Text: Cornelia Ertmer

Glück oder das was fehlt
ein bild auf einem spiegel
kein spiegelbild
ein bild aus namen
namen als spiegelbild des lebens
bunt gemischt, vielfarbig
farbenfrohes geordnetes chaos
gebändigt durch ein zartes netz filigraner linien

namen – leben – erinnerungen
im zentrum quer durch raum und zeit: verlust und liebe
die farben willkürlich und zufällig
wie das leben selbst: planvoll spontan, planlos geordnet
durch das auge das nach zusammenhängen sucht

zur freundschaft die liebe zählt
mit dem anfang das ende und mit
dem verstand das gefühl verbindet
das auge findet gegensätze und
sucht schnittmengenzwischen den linien die das leben schuf

empathie und verbundenheit und spiritualität
freizeit und gesundheit und zeit
familie und freundschaft und verantwortung
vertrauen und verbundenheit
willen und beruf und kreativität

ein vexierspiel mit namen und begriffen
mit raum und zeit
mit kopf und herz
mit willen und verantwortung
je nachdem aus welchem blickwinkel
man in welche richtung schaut

die staunenden skeptischen neugierigen
verwunderten gleichgültigen faszinierten
blicke der betrachtenden
werden teil des bildes
verstricken sich womöglich in den
das bild durchschneidenden
sich kreuzenden auseinanderstrebenden linien
finden eigene erinnerungen
und das was fehlt
Glück


Bild: Brigitte Mühlenkamp, Text: Dorothea Kemper

Auf Distanz
„Irgendwann musste es passieren“, denkt sie, will am liebsten zügig vorbei. Doch er stellt sich ihr in den Weg, lächelt gewinnend. Sie kennt seine Art, mit der er die Worte wie Perlen einer gerissenen Kette aus seinem Mund springen lässt. Kennt deren Anziehungskraft und weiß genau, was danach kommt. Schon registriert sie den verführerischen Glanz, ihr stockt der Atem. Sie schweigt. Die Gedanken formen sich in ihrem Kopf, laut, drängend, schaffen es gerade bis zu ihren Augen. Bleiben dort hängen und bohren sich in sein Gesicht. Halten ihn so auf Distanz. Mit leichter Verwunderung bemerkt sie, dass sie sich im Gegensatz zu früher nicht auflöst, nicht verschwindet.
Den Blick hält und sich noch immer spürt.

Er konnte bezaubernd sein, ihr das Gefühl geben, etwas ganz besonderes zu sein. Sie damit ganz allmählich einwickeln, bis sie regelrecht süchtig nach seiner Zuwendung war. Als Meister seines Fachs wusste er ihre Unsicherheit zu nutzen, sie scheinbar zu stärken und aufzurichten. Anfangs war der Wandel kaum zu merken, ein winziger, spitzer Schmerz, der gleich wieder verflog. Fast wie eine Hautirritation. Sie musste sich getäuscht, wieder einmal etwas falsch verstanden haben. Ihm gelang mühelos, ihre leisen Zweifel zu übertönen.

Immer tiefer sank sie in seine Fangarme, wurzelte in mitten ihrer Angst und in ihren Selbstzweifeln. Dann wurde er deutlicher, hatte sie dort, wo er sie haben wollte. Allmählich schälte sich ihre Haut, Schicht für Schicht. Solange, bis sie nur noch Schmerz war, auch kleinste Bewegungen brannten und bald unmöglich waren. Sie sich nichts mehr zutraute. Er zielte präzise, traf immer und immer tiefer. Kalt und unerbittlich. Irgendwann war es nicht mehr nur eine Frage der Würde
sondern des Überlebens.

Und dieser Instinkt rettet sie, verleiht ihr die Kraft, ihre erstarrten Füße aus dem Boden zu ziehen. Die Zehen wieder zu bewegen und Schritte zu wagen. Erstaunt stellt sie fest, dass sie noch Verbindung zu sich und ihrer Umgebung hat. Wie Fäden, die sie halten und aufrichten. Als sie geht, versuchter nicht, sie aufzuhalten. Er weiß, er hat verloren, schickt ihr nur gefrostetes Lächeln. Jetzt, auf der Straße, zieht er mit gewohntem Charme die Zahnreihenblank, lässt Worte perlen. Doch sie läuft nicht mehr Gefahr auszurutschen und lässt ihn wie ein überflüssig gewordenes Souvenir ihres früheren Lebens endgültig hinter sich.


Bild: Enno Pape, Text: Isabelle Reiff

Nahttrenner
Schon wieder Karneval. Schon wieder dieses schreckliche Kostüm. Kann er nicht einfach krank werden? Mit Husten und Schnupfen im Bett bleiben, wie so viele in seiner Klasse. – Lieber Gott, gib mir bitte, bitte eine schlimme Erkältung! – Aber Gott hat kein Erbarmen, und seine Mutter schon gleich gar nicht: „Du gehst als Clown!“ – „Aber ich will als Cowboy gehen!“ Er weint und jammert, er fleht und schluchzt, doch Mutter bestimmt: „Ein anderes Kostüm passt nicht zu dir!“ Tage zuvor hat sie ihn neu vermessen, die Nähte der alljährlichen Clown-Kluft aufgetrennt und Hosenbeine und Ärmel verlängert und erweitert.

Er hasst dieses Kostüm: die riesigen hässlichen Pantoffeln, den schlabbrigen geflickten Hosenanzug, die bescheuerte rote Nase, die kratzige bunte Perücke, erst recht die Gesichtsbemalung – verdonnert zum Trottel und dazu, von der ganzen Klasse ausgelacht zu werden. Kaum zwei Jahre alt, hat seine Mutter ihn zum ersten Mal als Clown verkleidet und geschminkt vor den Spiegel gestellt. Vor Schreck hat er geheult und in die Hose gemacht. Sie hat gelacht. Seitdem jedes Jahr dieselbe Tortur. Einmal, an Karneval, krampft er sich so zusammen, dass es ihr nicht gelingt, ihm das Kostüm anzuziehen. Kurzerhand sperrt sie seine Zimmertür ab. Zwei Tage später ruft er vor Hunger: „Ich möchte diesen Karneval als Clown gehen.“ Sie lässt ihn heraus,
herzt und küsst ihn.

Mit zwölf kommt ein anderer Junge als Clown verkleidet in die Schule, aber ohne Perücke und Plastiknase. Stattdessen hat er das eigene Haar grün gefärbt und auftoupiert. Um seine Augen ist alles schwarz und um den Mund so viel rote Farbe, dass es aussieht, als hätte er gerade ein Tier zerfleischt. Dazu ein schillerndes Jackett, aus demselben Stoff eine Hose und elegante Lederschuhe. Alle Kinder gruseln sich vor dem Jungen. Ihm imponiert die Verkleidung. „Bitte Mama, näh‘ mir so ein Clownkostüm!“ Er beschreibt es ihr, aber sie ist gekränkt: „Ich habe mir so viel Mühe gegeben! Soll all meine Arbeit umsonst gewesen sein?!“

Später setzt er sich stärker zur Wehr, stößt sie weg, wenn sie ihn ausmessen will, und den Zimmerschlüssel lässt er verschwinden. Da kommt sie nachts in sein Zimmer geschlichen, mit Stirnlampe und Maßband um den Hals. In dem Glauben, er würde tief schlafen oder weil es ihr egal ist, zieht sie seine Decke weg, misst die Länge seiner Beine und Arme und flüstert sich die Werte zu. Eines Nachts hat er gerade einen erotischen Traum. Als sie die Decke anhebt, richtet sich sein Glied durch den Schlitz der Schlafanzughose empor, ins Licht ihrer Stirnlampe. Sie erstarrt, halb über ihn gebeugt. Die Enden des Maßbands kitzeln seine Hände. Im nächsten Moment hätte sie das Band vom Hals gezogen und Maß genommen – doch noch klebt ihr Blick am Penis ihres Sohnes. Er braucht nichts weiter zu tun, als die Enden zu greifen, über kreuz zu legen und eng zu ziehen – bis sie vor ihm auf die Knie fällt und vielleicht sogar um Verzeihung gebeten hätte, aber dazu fehlt ihr nun die Luft.


Bild: Igor Jablunowskij, Text: Mark Monetha

Aus dem Papierschiff regnet es Zukunft

Buchstaben wie Bullaugen darauf

unten ein Haus
gepinselt auf Feld

bewohnte Vergangenheit

vom Regen bleiben Wörter
die könnt ich dir schenken

eine Sprache dazu
und Herzen aus Glas


Bild, Linn Schiffmann, Text: Marlies Blauth

Zuhause
manchmal
möchte man abreisen
ausreisen
weg von Katzenwärme
und Sofakissenkultur

dahinwo sich der Horizont
in nahen und fernen Farben
ausbreitet
unzerteilt
nicht in Stücke gerissen
durch Fenstersprossen
–klein und schmal und geruchlos–

du wanderst ins Weite
beginnst eine neue Sprache
zu deuten zu sprechen
manchmal nimmst du
Rätselhaftes und Namenloses
in dir auf
–mit Magenschmerzen

wenn es kalt ist
undder Wanderpfad
endet verendet
in einer Landschaft
aus stumpfem Gras–

über einsamen Wegen
steigt eine Sehnsucht auf
neblig und winzig
nach Heimeligkeit
nach freundlichen frechen Tieren
die Rufnamen haben
mit einem wärmenden Klang


Bild: Brita Kreutzfeldt, Text: Anne-Kathrin Koppetsch

Blick in die Ferne
Blick in die Ferne
Wo bist du gewesen
Afrika Amsterdam Affeln
Was deine Augen gesehen
Brunnen Berge Bergen Belsen
Chinesische Mauer 21000 Kilometer
Sehnsucht entlang ins anyway
Voller Anmut voller Wut
Angekommen im letzten Drittel
Vonja was?

Blick nach innen
Auf Schneeregen auf Gewitter
Folgt ein Regenbogen
Klänge bekommen Farben
Ziehen Prinzessinnenkleider an
Duften nach Pinien
Lösen sich auf
In mäandernden Jahren

Blick über die Schulter
Spätsommerbeeren bluten
Zwischen zuckenden Fingern
Fließt viel zu viel
Saft aus Unaussprechlichem
In Melodien aus
Nussnougatcreme palmölfrei
Fallobst der Erkenntnis

Blick ins Irgendwo
In alle Himmel gestürmt
Wie sie herkommen
Süd West Ost Nord
So gehen sie hin
Wenn ja wenn
Sie sich heimlich treffen
Fremde Familienbilder im
Rucksack
In schwarzweiß
Meet you in paradise?!


Bild: Shade Habighorst-Isajinmi, Text: Ursula Gelzinnus

Noriko
Ich sah mir nochmal die Fotos von früher an. Orange war die Lieblingsfarbe von Noriko gewesen. Immer hatte sie ein Kleidungsstück in dieser Farbe an. Auch auf diesem Foto hier hatte sie eine Kappe in Orange auf dem Kopf. Es ist auf einer Klassenfahrt entstanden. Seit ich sie bei Ihrem Schuleintritt in unsere Vorortgrundschule kennenlernte, ist die Farbe für mich mit Fröhlichkeit verbunden. Diese Farbe und das Foto sind für mich zu wichtigen Souvenirs des Lebens geworden.

In meinem Elternhaus herrschte meistens eine für mich sehr bedrückende Stille. Es wurde nur wenig gesprochen, oft tagelang nur das nötigste. Ich durfte keinen Schmuck tragen, nicht Musik hören und vor allem durfte ich nicht lachen. Das war nämlich alles Sünde. Mein Vater war auf eine fanatische Art religiös, so durfte ich auch nicht mit dem katholischen Nachbarsjungen zusammen zur Schule gehen. Wir waren nämlich evangelisch und das ging nicht zusammen. Noriko war ein Schlüsselkind, das war in meinen Augen sehr erstrebenswert, schon wegen der sturmfreien Bude. Mein Vater hatte meiner Mutter verboten, arbeiten zu gehen, damit ich kein Schlüsselkind sein musste und immer genügend Aufsicht und Erziehung hatte.

Ich wäre allerdings gerne ein Schlüsselkind gewesen, wenn meine Mutter dann ein bisschen entspannter gewesen wäre. Sie wirkte auf mich nämlich meistens ziemlich nervös und unzufrieden. Ich hätte es meiner Mutter so gewünscht arbeiten gehen zu können und damit eigenes Geld zubekommen und war zutiefst erschüttert darüber, dass mein Vater es ihr verbieten konnte. Mein Weltbild geriet ins wanken, sank in bodenlose Tiefen. Oft ging ich mit Noriko nach der Schule noch mit zu ihr nach Hause, nachdem wir uns am Kiosk auf dem Weg dorthin eine Tüte gemischter Klümpchen gekauft hatten. Ich erinnere mich noch genau an den Geschmack von Lakritzschnecken und Erdbeerweingummi.

Wir spielten ein bisschen zusammen mit der Katze, hörten unsere Lieblingssongs auf Kassetten und machten dann Hausaufgaben. Der Vater von Noriko kam aus Westafrika, die Mutter war Deutsche. Ich war immer ein bisschen stolz auf meine dunkelhäutige Schulfreundin, nicht nur wegen der Hautfarbe, sie hatte einfach eine sehr positive, natürlich fröhlich wirkende Ausstrahlung, die sich auf mich übertrug. Sie zog dann mit ihren Eltern in eine andere Stadt und wir verloren uns aus den Augen. Ich erinnere mich gerne an die Zeit mit Noriko zurück.


Bild: Michael Wienand, Text: Linn Schiffmann

Dazugestellt
„Könnte ich auch mal wieder aufräumen“, sagte er sich, als sein Blick auf das Küchenregal fiel. Er wunderte sich über diesen, seinen eigenen Gedanken. Sonst, bemerkte er das Sammelsurium auf den zwei Regalbrettern gar nicht. Es gehörte halt dazu. Zu dieser Wand mit den vielen angepinnten und geklebten Notizzetteln, mit den Polaroid-Schnappschüssen aus der Zeit von vor einigen Jahren, als Polaroid aus irgendeinem Grund wieder in Mode gekommen war. Daneben eine Karte aus Jasmins Japanurlaub. Er strich liebevoll über das Sonnenmotiv. Damals hatte Jasmin noch studiert. Von seinem Geld. Er hatte sich ein wenig darüber geärgert, dass sie mit seinem Geld nach Japan flog, während er im selben Jahr nur Urlaub auf Borkum gemacht hatte. Jetzt überlegte er, dass es sicherlich eine schöne Erinnerung für Jasmin war. Etwas woran sie denken konnte, wenn sie in ihrem
grauen Büro in der Anwaltskanzlei saß.

Er nahm den Finger von der Karte und trat einen Schritt zurück. Ja, es sah nicht gerade ästhetisch aus, dieses Gewusel da auf und um die Bretter. Aber was sollte er hier eigentlich aufräumen? Was bedeutete dieses Aufräumen? Wegräumen? Aber wohin? In den Mülleimer? Die Stifte dort, die brauchte er schließlich regelmäßig. Und das Pflänzchen war hübsch, wenn auch es ein prekär wackliges Dasein auf dem Stapel von Kochbüchern lebte. Die Kochbücher nutzte er nicht. Meistens kochte er instinktiv und wenn er doch mal ein Rezept brauchte, suchte er
sich eins im Internet.

Aber hier, dieses Buch über Suppen, dass stammte aus seinem Lebensabschnitt mit Frank. Das hatten sie beide damals in Monschau gekauft. Ach, Frank. Er lächelte in sich hinein. Eigentlich könnte er Frank doch mal wieder anrufen. Nachfragen, wie das Leben so lief. Er begann Franks Nummer in seinen Kontakten zu suchen und während er sich auf diese Aufgabe konzentrierte, vergaß er, dass er gerade noch etwas am Sammelsurium hatte ändern wollen.


Bild: Michael Schulz-Runge, Text: Monika Merz

Veränderung

An etwas oder jemanden,
an das oder den ich mich gern erinnern möchte.
Ich schaue mein Souvenir an,
befühle es,
lächele,
denke mich zurück,
schwelge.
Es macht mich glücklich,
die Zeit zurückzudrehen
und wieder einzutauchen in das Erlebnis.

Ein Souvenir,
hier ursprünglich ein Foto auf Leinwand,
aus irgendeinem Grund wertlos geworden,
am Straßenrand abgestellt,
übermalt.
Ein neues Gewand geschenkt.
Ein zweites Leben.

Sowie auch wir
nicht unbeschrieben zur Welt kommen,
nicht nur unser Leben führen.
Es war immer jemand
vor uns da.
Wir sind beeinflusst,
wenn nicht gar geprägt
durch Erfahrungen,
Überzeugungen,
Bilder
und Souvenirs unserer Eltern
und Ahnen.
Niemand ist
ein unbeschriebenes Blatt.
Doch wir haben die einmalige Chance,
Etwas Großartiges
aus unserem einzigen Leben
zu machen.

Das Leben fließt.
So wie die Farben ineinander-
fließen.
Nichts
ist, wie es war.
Nichts bleibt, wie es ist.
Das ist die einzige Sicherheit.
Schwarz und Weiß
sind Illusionen.
Werden aufgebrochen,
unterlegt,
übermalt.

Ein Druck mit Weiß
auf Schwarz…
Schubladen?
Taschen?
Rippen?
Was beeindruckt uns?
Wem oder was erlauben wir,
uns zu beeindrucken?
Wie viel Druck halten wir aus
und
wie viel Druck brauchen wir
um die Form zu erhalten,
die wir uns wünschen?

Druck auch durch große Hitze,
hier durch Feuer.
Gewohntes geht,
betrauert.
Doch Neues entsteht
oft nur so.
Die Schönheit liegt
im Auge des Betrachters.
Selbst Verbrennungen
können noch ein Tor
zu einer neuen Welt
öffnen.

Wer festhält an der Trauer,
wird den Zauber des Neuen
nicht sehen,
die Chance der Veränderung nicht ergreifen können.

Doch wer die Veränderungen willkommen heißt
und die Verwundungen
als Souvenir des Lebens
annimmt,
wird daran wachsen.
Wer immer wieder aufsteht
und sich dem Leben
mit all seinen Facetten
und Aufgaben
neu stellt,
sich verändern und verwandeln lässt,
im Vertrauen darauf,
dass nichts bedeutungslos ist,
der wird
tiefen Frieden
und wahres Glück
in einem erfüllten Leben finden.


Bild: PeKa, Text: Thorsten Trelenberg

Die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizeiinspektion bitten um Ihre Mithilfe!

Heimtückischer Mord an 2 Personen

Die Leichen von Petra S. und Volker B. wurden am 29.11.2020vonNachbarn gefunden.
Der Fundort und vermutlich gleichzeitige Tatort befindet sich in der Friedrich-Ebert-Straße im Ortsteil Dortmund-Hörde. Beide Personenstarben durch massive Bissverletzungen an Hals und Kehle. Die hinzugerufene Rissbegutachterin stellte außerdem fest, dass bei beiden Personen der Bauchraum eröffnet, die Organe aber unangetastet blieben. Zuletzt wurden Petra S. und Volker B. am Tatabend, dem 28.11.2020, vor dem Pub „Zum Lämmlein“ gesehen. Dort verliert sich ihre Spur, die Rekonstruktion des restlichen Abends ist Gegenstand der Ermittlung.

Belohnung
Für Hinweise, die zur Klärung des Verbrechens führen, ist durch die Schlachtbank Hörde eine Belohnung von 10.000Euroausgesetzt, die unter Ausschluss des Rechtsweges zuerkannt wird. Die Belohnung ist ausschließlich für Privatpersonen und nicht für Amtsträger bestimmt, zu deren Berufspflicht die Verfolgung strafbarer Handlungen gehört.

Weitere Details
Für die Aufklärung des Doppelmords ist die Beantwortung folgender Fragen von Bedeutung:
Im Bereich des Tatorts wurde im Rahmen der Ermittlung ein blutverschmierter Wolfspelz gefunden, welcher mutmaßlich dem Täter zuzuordnen ist.
Wer kann Angaben zum o.g. Wolfspelz machen? Wem ist in der Tatnacht ein Schaf ohne Wolfspelz in der Nähe des Tatorts aufgefallen? Können Sie Angaben zu Schafen machen, denen seit geraumer Zeit ein Wolfspelz fehlt?

Souvenirs des Lebens
Die ehrenamtliche Wolfsberaterin Petra S. und der Schäfer Volker B. sammelten im Laufe ihrer mehrjährigen Beziehung diverse Gegenstände. U. a. werden seit der Tatnachtvermisst: Eine Sammlung von ca 48 Vinyl-Schallplatten (sog. Singles), ein silberner Aschenbecher der Marke „Klassik“, sowie ein Stoffhase aus der Sammler-Edition „Ich bin Wolfgang und fühl mich total belämmert“. Wer kann Angaben zu den fehlenden Gegenständen machen?

Informationen zum Tatort
Dank der intensiven Ermittlungsarbeit und der akribischen Tatortuntersuchung konnte eine detailreiche Tatortskizze erstellt werden. Mit der Veröffentlichung erhofft sich die Kriminalpolizei nun neue Hinweise.

Sie haben einen Hinweis zu dieser Fahndung?
Hier erreichen Sie uns per Email: info@kulturladenhoerde.de


Bild: Philine Bathelt-Kaiser, Text: Bärbel Anders

Erinnerungsbrücke
Ich wachte schweißgebadet auf und lag im Gras, dessen sonnendurchflutetes Grün mir fast die Netzhaut ausbrannte. Oder glühte eher meine, wie ich sah, rosarot glänzende Haut, die ich, durch mein Einschlafen am frühen Nachmittag, den Strahlen der recht unbarmherzigen Mittelmeersonne ausgesetzt hatte? Noch war ich zu benommen, um mein Unwohlsein richtig zuordnen zu können. Erinnerte mich beim Anblick der Blumen gestirnten Wiese dann an den Aufstieg bis hier herauf, hoch über dem blauen Meer, das in der Tiefe unter mir lag mit den Inseln im leichten Dunst des Spätnachmittags, der schon den Abend ankündigte. Nicht aber an den Grund.

Ich setzte mich auf und stützte den Kopf mit dem Kinn auf meine selbst im Schlaf hoch an den Körper gezogenen Knie, als läge ich auch im Traum auf dem Sprung. Es war mir entfallen, was genau ich geträumt hatte oder im Wachen war es mir gar nicht erst bewusst geworden, so dass ich auch darüber keinerlei Zuordnung herstellen konnte. Ich legte die Arme um meine Unterschenkel, gab Kopf und Kinn damit besseren Halt und vielleicht auch mir selbst in meiner seelischen Verfassung.

Meine Muskeln waren, das spürte ich, total verspannt, konnte jedoch nicht ausmachen, ob es von der Schieflage der Schlafposition am Hang herrührte oder ob die Ursache in anderem gründete. Es war als lehnte mein ganzes Ich sich gegen etwas auf, als presste ich mit aller Kraft wie gegen eine Wand, die umzustoßen, mir vielleicht Erleichterung gebracht hätte und Verstehen. Unwillkürlich nahm ich die Liegeposition wieder ein und blickte plötzlich in den Himmel über mir, an dem sich der Dunst mittlerweile zu weißen, trotz ihrer blauen Ränder harmlosen Wolken zusammengezogen hatte, die im Winde spielten, sich von ihm treiben, trennen und wieder zusammenführen ließen in einem
fließenden Spiel vergehender Zeit.

Ich erfand selbst eines dazu. Legte sekundenschnell eine flexible Brücke zwischen die sich jeweils am nächsten stehenden, nein einander fliehenden Wolken, kam dabei fast außer Atem in meiner Liegelage und brach urplötzlich in lautes Lachen aus, das in tausend Echos mit den Fallwinden fiel, hinunter aufs Meer und dort in den Wellen verklang. Es wurde still. Auch in mir. Ich stand auf, wandte mich ab vom Meer, setzte mich in Bewegung und hielt erst auf den Stufen an, die mich am Morgen aus dem Bergdorf hinaus in den Steilhang geführt hatten. Mein Weg zweigte hier ab. Ich hob die Augen und sah sich staffelnde, bläuliche Hügelketten im zunehmenden Abendrot, die ich in der Frühe, durch mein nur auf den aufsteigenden Weg gerichtetes Augenmerk und das Nachdenken über den, mir im Augenblick nicht greifbaren Anlass meines Kummers, nicht wahrgenommen hatte.

Jetzt erinnerte ich mich. Der Streit hatte mich heraufgeführt. Ich dachte nach. Mein Blick ruhte auf den Bergumrissen, die im versinkenden Lichtaufeinander folgten, unendlich und, wie es schien, immer neu. Ich streifte den Ring von der Hand und ließ mich von den Bildern fluten.